Mondphasen und Gesundheit: was die Studien wirklich zeigen

Kaum ein Alltagsglaube hält sich so hartnäckig wie der an die Macht des Mondes. Bei Vollmond schlafe man schlechter, es kämen mehr Kinder zur Welt, in den Notaufnahmen sei mehr los, Operationen liefen unglünstiger. Die Astromedizin baut darauf ein ganzes Regelwerk auf: Es gibt Mondkalender für Haareschneiden, Zahnbehandlungen und Diäten. Die Forschungslage dazu ist erstaunlich umfangreich — und in den meisten Punkten eindeutig.

Geburten: die am besten untersuchte Frage

Weil Geburtsdaten lückenlos erfasst werden, lässt sich diese Behauptung so gründlich prüfen wie kaum eine andere. Eine Metaanalyse von Martens und Kelly fasste bereits 1988 rund 50 Jahre Forschung zusammen und fand keinen Zusammenhang. Spätere Auswertungen reichen von einigen tausend bis zu über 70 Millionen Geburten und kommen zum selben Ergebnis.

Eine französische Arbeit von 2021 fand als einzige eine statistisch signifikante Abweichung: rund 0,4 Prozent mehr Geburten am Vollmondtag. Bei einer durchschnittlichen Geburtenstation bedeutet das ein zusätzliches Kind alle paar Monate — im Schichtalltag nicht wahrnehmbar.

Schlaf: hier wird es interessanter

Beim Schlaf ist die Lage weniger klar, und das ist der ehrlichere Teil der Antwort. Eine Basler Studie um Christian Cajochen berichtete 2013 von kürzerem und flacherem Schlaf rund um den Vollmond. Die Arbeit hatte allerdings nur 33 Teilnehmende und war ursprünglich für eine ganz andere Fragestellung angelegt.

Als die Gruppe um Cordi den Effekt 2014 an deutlich größeren Stichproben (366 und 870 Personen) prüfte, war er nicht mehr nachweisbar. Eine Studie von Casiraghi und Kollegen aus dem Jahr 2021 wiederum fand, dass Menschen in den Nächten vor Vollmond später einschlafen und kürzer schlafen — und zwar auch dort, wo elektrisches Licht verfügbar ist. Eine schwedische Untersuchung von Benedict und Kollegen (2022) fand einen Effekt nur bei Männern und nur in der zunehmenden Mondphase.

Zusammengefasst: Ein kleiner Effekt auf den Schlaf ist nicht ausgeschlossen, aber er ist klein, inkonsistent und weit entfernt von dem, was der Volksglaube behauptet. Wer schlecht schläft, findet die Ursache mit sehr viel höherer Wahrscheinlichkeit bei Koffein, Bildschirmzeit, Raumtemperatur oder Stress.

Notaufnahmen, Unfälle, Gewalt

Hier ist die Bilanz wieder klar. Eine Metaanalyse von Rotton und Kelly stellte schon 1985 fest, dass fast die Hälfte der Studien mit positivem Befund mindestens einen statistischen Fehler enthielt. Eine Untersuchung von Biermann und Kollegen (2009) mit mehr als 23.000 Fällen fand keinen Zusammenhang zwischen Mondphase und Gewaltdelikten.

Wo ein Zusammenhang mit Mondlicht gefunden wurde, etwa bei Kriminalität im Freien, ist die Erklärung prosaisch: Bei hellem Mond sieht man besser. Das verändert Gelegenheiten, nicht das Verhalten.

Warum sich der Glaube trotzdem hält

Der psychologische Mechanismus dahinter heißt illusorische Korrelation. Eine turbulente Nacht bleibt in Erinnerung, wenn zufällig Vollmond war — die ruhige Vollmondnacht und die turbulente Neumondnacht verschwinden aus dem Gedächtnis. Wer die Verbindung einmal glaubt, sammelt unbewusst nur noch Bestätigungen.

Lilienfeld und Arkowitz haben zudem eine kulturhistorische Erklärung vorgeschlagen: Vor der Elektrifizierung störte helles Vollmondlicht den Schlaf tatsächlich spürbar. Schlafmangel wiederum kann bei entsprechend veranlagten Menschen Episoden auslösen. Der Zusammenhang wäre dann ein Relikt aus einer Zeit, in der es ihn wirklich gab — nur eben über das Licht, nicht über den Mond.

Was von der Astromedizin bleibt

Für Mondkalender, die den besten Termin für Operationen, Zahnbehandlungen oder Entgiftungskuren versprechen, gibt es keine belastbare Evidenz. Das ist unkritisch, solange sie niemanden davon abhalten, eine notwendige Behandlung wahrzunehmen. Genau dort liegt die Grenze: Wenn ein Eingriff verschoben wird, weil der Mond angeblich ungünstig steht, wird aus einer harmlosen Gewohnheit ein Risiko.

Der Mond wirkt messbar auf die Gezeiten, weil dort riesige Wassermassen über die halbe Erde hinweg bewegt werden. Auf einen Körper von siebzig Kilogramm ist die Gezeitenkraft des Mondes kleiner als die eines Menschen, der einen Meter entfernt steht.


Genannte Arbeiten: Martens & Kelly (1988), Rotton & Kelly (1985), Cajochen et al. (2013), Cordi et al. (2014), Biermann et al. (2009), Casiraghi et al. (2021), Benedict et al. (2022), Chambat et al. (2021).

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