Übergewicht: Ursachen, Folgen und was wirklich hilft
Kaum eine Zahl wird in Deutschland so oft zitiert und so selten eingeordnet wie die zum Übergewicht. Nach den Daten des Robert Koch-Instituts (GEDA 2019/2020-EHIS) bringen 60,5 Prozent der Männer und 46,6 Prozent der Frauen mehr auf die Waage, als der Body-Mass-Index als Normalgewicht ausweist. Rund 19 Prozent der Erwachsenen erfüllen die Kriterien für Adipositas. Diese Werte beruhen auf Selbstangaben, und weil Menschen ihr Gewicht eher zu niedrig angeben, lagen die zuletzt gemessenen Zahlen aus der DEGS1-Studie höher: 67 Prozent der Männer und 53 Prozent der Frauen.
Was der BMI misst und was nicht
Der Body-Mass-Index teilt das Körpergewicht in Kilogramm durch die Körpergröße in Metern zum Quadrat. Ab 25 gilt man als übergewichtig, ab 30 als adipös. Der Wert ist deshalb so verbreitet, weil er sich aus zwei Angaben berechnen lässt, die jeder kennt.
Genau darin liegt aber auch seine Schwäche: Der BMI unterscheidet nicht zwischen Muskel- und Fettmasse und sagt nichts darüber aus, wo das Fett sitzt. Ein durchtrainierter Mensch kann rechnerisch übergewichtig sein, ohne es gesundheitlich zu sein. Umgekehrt kann jemand im Normalbereich liegen und trotzdem ein ungünstiges Fettverteilungsmuster haben.
Der Bauchumfang sagt oft mehr
Entscheidend für das Risiko ist weniger die Menge des Körperfetts als seine Lage. Fett, das sich im Bauchraum zwischen den Organen einlagert, ist stoffwechselaktiv und schüttet Botenstoffe aus, die Entzündungsprozesse und Insulinresistenz begünstigen. Unterhautfett an Hüfte und Oberschenkeln ist in dieser Hinsicht deutlich harmloser.
Deshalb lohnt der Griff zum Maßband. Gemessen wird im Stehen, in der Mitte zwischen unterem Rippenbogen und Beckenkamm, am Ende einer normalen Ausatmung. Als erhöht gilt ein Umfang ab 80 Zentimetern bei Frauen und ab 94 Zentimetern bei Männern, als deutlich erhöht ab 88 beziehungsweise 102 Zentimetern.
Warum Gewicht zunimmt
Die Energiebilanz erklärt das Grundprinzip: Wer über längere Zeit mehr Energie aufnimmt als verbraucht, legt zu. Als Erklärung für den einzelnen Menschen greift das aber zu kurz, weil die Faktoren dahinter sehr unterschiedlich gewichtet sind.
- Genetik. Zwillings- und Adoptionsstudien zeigen einen erheblichen erblichen Anteil an der Neigung zur Gewichtszunahme. Vererbt wird nicht das Gewicht, sondern wie stark Hunger, Sättigung und Grundumsatz reguliert werden.
- Lebensmittelumgebung. Stark verarbeitete Produkte mit hoher Energiedichte sättigen pro Kalorie schlechter als unverarbeitete. Wer sie ständig verfügbar hat, isst im Schnitt mehr, ohne es zu bemerken.
- Schlaf und Stress. Chronischer Schlafmangel verschiebt die Hormone Leptin und Ghrelin so, dass der Appetit steigt. Dauerstress wirkt über Cortisol in eine ähnliche Richtung.
- Medikamente. Einige Antidepressiva, Neuroleptika, Kortisonpräparate und Betablocker fördern eine Gewichtszunahme. Das ist ein Grund, mit der behandelnden Praxis zu sprechen, nicht eigenmächtig abzusetzen.
- Erkrankungen. Eine Schilddrüsenunterfunktion oder ein Cushing-Syndrom können hinter einer Zunahme stecken. Beides ist selten, aber abklärbar.
Welche Folgen belegt sind
Adipositas erhöht das Risiko für Typ-2-Diabetes, Bluthochdruck, Fettstoffwechselstörungen, Fettleber, Schlafapnoe, Arthrose in den tragenden Gelenken und mehrere Krebsarten. Auch die psychische Belastung durch Stigmatisierung ist gut dokumentiert und wird in der Versorgung oft unterschätzt.
Wichtig ist die Größenordnung: Zwischen leichtem Übergewicht und Adipositas liegt ein deutlicher Unterschied im Risiko. Bei einem BMI zwischen 25 und 30 ohne Begleiterkrankungen und ohne stark erhöhten Bauchumfang ist die Datenlage weit weniger dramatisch, als die öffentliche Debatte oft nahelegt.
Was tatsächlich hilft
Der wichtigste Befund aus der Ernährungsforschung ist unbequem: Kaum eine Diät ist einer anderen überlegen, entscheidend ist, ob sich jemand langfristig daran halten kann. Wer eine Ernährungsform wählt, die zu seinem Alltag passt, hält länger durch als jemand, der einem strengen Konzept folgt, das er nach acht Wochen aufgibt.
- Realistisches Ziel setzen. Schon fünf bis zehn Prozent weniger Körpergewicht verbessern Blutdruck, Blutzucker und Blutfette messbar. Das ist der Punkt, an dem sich Gesundheit ändert, nicht die Konfektionsgröße.
- Eiweiß und Ballaststoffe erhöhen. Beide sättigen pro Kalorie stärker. Das senkt die Aufnahme, ohne dass ständig gezählt werden muss.
- Flüssige Kalorien reduzieren. Softdrinks, Säfte und Alkohol sättigen kaum und werden bei der Tagesbilanz regelmäßig übersehen.
- Bewegung als Stabilisator. Zum Abnehmen trägt Sport weniger bei, als viele annehmen. Für das Halten des Gewichts danach ist er einer der stärksten Einzelfaktoren.
- Schlaf ernst nehmen. Wer dauerhaft unter sechs Stunden schläft, arbeitet gegen die eigene Appetitregulation.
Wann ärztliche Unterstützung sinnvoll ist
Ab einem BMI von 30, oder ab 27 mit Begleiterkrankungen wie Typ-2-Diabetes, gehört das Thema in ärztliche Hände. Neben strukturierten Ernährungs- und Bewegungsprogrammen stehen heute Medikamente aus der Gruppe der GLP-1-Rezeptoragonisten zur Verfügung, bei sehr hohem BMI auch chirurgische Verfahren. Alle drei Wege haben Voraussetzungen, Nebenwirkungen und Kostenfragen, die individuell besprochen gehören.
Quellen: Robert Koch-Institut, GEDA 2019/2020-EHIS und DEGS1. Dieser Text informiert allgemein und ersetzt keine ärztliche Diagnose oder Beratung.
