Sex und Gesundheit: was belegt ist und was nicht

Über die gesundheitlichen Effekte von Sex kursieren viele Zahlen, die bei genauerem Hinsehen nicht halten — der angebliche Kalorienverbrauch gehört dazu. Was sich seriös sagen lässt, ist zurückhaltender, aber nicht uninteressant.

Was die Studienlage hergibt

Die meiste Forschung zu diesem Thema ist beobachtend. Sie vergleicht Menschen, die häufiger Sex haben, mit solchen, die es seltener tun — und findet Unterschiede bei Herz-Kreislauf-Gesundheit, Schlafqualität und psychischem Wohlbefinden. Die entscheidende Einschränkung: Solche Studien können Ursache und Wirkung nicht trennen.

Gesunde Menschen in stabilen Beziehungen haben häufiger Sex. Ob der Sex sie gesund hält oder die Gesundheit den Sex ermöglicht, ist aus diesen Daten nicht zu beantworten. Wahrscheinlich wirkt beides in beide Richtungen. Wer Schlagzeilen liest, die Sex als Herzschutz verkaufen, sollte diesen Vorbehalt mitdenken.

Was plausibel belegt ist

  • Körperliche Aktivität. Sex ist moderate Bewegung, vergleichbar mit zügigem Gehen oder Treppensteigen. Der oft genannte Verbrauch von mehreren hundert Kalorien ist deutlich zu hoch gegriffen; Messungen kommen auf größenordnungsmäßig 20 bis 100 Kalorien pro Akt.
  • Schlaf. Nach dem Orgasmus werden unter anderem Oxytocin und Prolaktin ausschüttet, die Entspannung fördern. Dass viele Menschen danach besser einschlafen, ist gut dokumentiert.
  • Stress und Stimmung. Körperliche Nähe senkt messbar Stressmarker. Ein Teil des Effekts geht wahrscheinlich auf die Berührung und die Bindung zurück, nicht auf den Sex selbst.
  • Beckenboden. Regelmäßige Aktivität der Beckenbodenmuskulatur ist für Kontinenz und sexuelle Funktion günstig — bei beiden Geschlechtern.
  • Prostata. Große Kohortenstudien fanden bei Männern mit häufigerer Ejakulation ein etwas niedrigeres Prostatakarzinom-Risiko. Der Zusammenhang ist konsistent, aber ebenfalls nur beobachtend.

Sexuelle Gesundheit ist vor allem Vorsorge

Der praktisch wichtigere Teil des Themas sind nicht die Wohlfühleffekte, sondern die Vorsorge. Sexuell übertragbare Infektionen verlaufen häufig ohne Symptome und werden deshalb weitergegeben, ohne dass jemand davon weiß. Chlamydien sind dafür das häufigste Beispiel und können unbehandelt zu Unfruchtbarkeit führen.

  • Kondome schützen zuverlässig vor HIV und senken das Risiko für die meisten anderen Infektionen deutlich.
  • Die HPV-Impfung schützt vor den Virustypen, die den Großteil der Gebärmutterhalskrebsfälle verursachen. Die STIKO empfiehlt sie für Mädchen und Jungen; Nachholimpfungen sind auch später noch möglich.
  • Regelmäßige Tests sind bei wechselnden Partnern sinnvoll. Viele Gesundheitsämter bieten sie anonym und kostenlos oder günstig an.
  • Unter wirksamer HIV-Therapie ist das Virus sexuell nicht mehr übertragbar. Diese Erkenntnis ist gut gesichert und unter der Formel „n=n“ bekannt.

Wenn etwas nicht stimmt

Sexuelle Funktionsstörungen sind häufig und werden selten angesprochen. Dabei sind sie oft ein frühes Warnsignal: Erektionsstörungen etwa gehen Herz-Kreislauf-Erkrankungen häufig um Jahre voraus, weil dieselben Gefäßveränderungen dahinterstecken. Wer das ärztlich abklären lässt, tut das nicht nur für das Sexualleben.

Auch Medikamente spielen eine größere Rolle, als vielen bewusst ist. Manche Antidepressiva, Betablocker und Hormonpräparate beeinflussen Lust und Funktion. Das ist ein Grund für ein Gespräch über Alternativen — kein Grund, ein verordnetes Medikament eigenmächtig abzusetzen.


Dieser Text informiert allgemein und ersetzt keine ärztliche Diagnose oder Beratung.

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