
Am achten März war Internationaler Frauentag. Das wissen viele aber nicht. Hätte Alice Schwarzer nicht am nächsten Tag die Abschaffung des Frauentages gefordert, wäre er dieses Jahr wohl auch in den Medien untergegangen. Egal, ob man Frau Schwarzers nachvollziehbare Argumente teilt oder nicht, es ist gut, dass über das Thema Gleichberechtigung gesprochen wird. In der Berichterstattung spielt es kaum noch eine Rolle und für viele Menschen ist es abgehakt. Gleichberechtigung? Haben wir schon! Das ist von vorgestern, es gibt ganz andere Probleme…
Eben! Man könnte denken, dass schwierige wirtschaftliche Verhältnisse und globale Bedrohungen wie Hunger, Krieg und Klimawandel dazu führen, dass wir uns auf unsere gemeinsamen Stärken besinnen, um diese Probleme zu lösen. Aber ganz im Gegenteil stehen statt der Gemeinsamkeiten die Unterschiede zwischen Männern und Frauen im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Komiker, deren Repertoire daraus besteht, auf tatsächlichen und vermeintlichen Unterschieden herumzureiten, füllen ganze Stadien. Das ist nicht nur humoristisch eine Katastrophe, sondern auch ein bedrückendes Zeugnis dessen, wie wenig nachhaltig die Bemühungen um Emanzipation bisher scheinbar gewesen sind.
Klar, Männer und Frauen sind verschieden. Aber das ist kein Grund für Ungleichbehandlung. Männer untereinander sind auch verschieden. Aber kein Mann muss es sich bieten lassen, wenn ihm auf der Arbeit gleichgestellte Kollegen über den Mund fahren, er bei gleicher Qualifikation ein Drittel weniger verdient oder anzügliche Witze über seinen Körperbau gemacht werden. Für viele Frauen ist genau das aber immer noch Realität. In der Arbeitswelt, in der Familie, beim Einkaufen, auf der Straße und in der Beziehung. Und solange das so ist, haben wir keine Gleichberechtigung! Deshalb gibt es jeden Tag einen Grund, sich selbst, seine Rolle und sein Verhalten zu hinterfragen.
Ja, das können die Frauen gerne machen, ist ja auch so ein typisches Frauending, das mit der Selbstkritik. Geht mich die ganze Problematik also nichts an, weil ich ein Mann bin? Im Gegenteil! Jeder von uns lebt in einem System aus Traditionen, Rollenbildern, Vorurteilen und Unterdrückungsmechanismen. Klingt abgefahren? Ist aber so. Wer so tut, als ginge ihn das nichts an, verleugnet sich selbst und lässt andere über sich bestimmen – verdammt unmännlich…
Wir müssen, um der Frauen willen, aber vor allem um unserer selbst willen, darüber reden. Wer schweigt und stumm mitspielt, lässt sich passiv in eine Rolle drängen, die alle Bemühungen um eine lebenswerte Zukunft zunichte macht. Aber ich will kein Unterdrücker sein, der erwachsene Menschen bevormundet und ausnutzt. Ich will niemanden auf sein Geschlecht, seinen Körper oder seine Sexualität reduzieren. Ich will in einer freien Gesellschaft leben, in der Frauen und Männer mir auf Augenhöhe begegnen. Und auf gar keinen Fall will ich von Frauen umgeben sein, die sich an der Qualität ihres Apfelkuchens oder den Vorstellungen eines größenwahnsinnigen Ex-Models messen lassen!
Wir sind dabei, unsere Zukunft zu verpennen, Männer! Die alten Säcke sind immer noch da und versuchen, an der Uhr zu drehen. Na, in welche Richtung wohl? Doch es gibt viele Frauen, die sich im täglichen Kampf um Anerkennung und Gleichbehandlung dagegen wehren. Wenn wir sie nicht unterstützen und unsere Zukunft aktiv mitgestalten, wachen wir irgendwann in einer Welt auf, in der wir entweder die Rollen unserer Großväter spielen müssen oder in der sich die Frauen damit eingerichtet haben, ohne uns klar zu kommen. In beiden Welten kommen unsere Bedürfnisse nicht mehr vor! Klingt gruselig, oder? Deshalb ist es wichtig, darüber zu reden. Und deshalb hat Frau Schwarzer Frauen und Männern mal wieder einen großen Gefallen getan – danke!
Autor: JW



