
Gibt es wirklich Leute, die mit 19 Jahren schon wissen, was sie im Leben wollen? Wenn die Antwortet „Ja“ lautet, dann gehöre ich mit Sicherheit nicht zu dieser Gruppe. Ich war nie ein Mensch großangelegter Lebenskonzepte und wusste auch nicht während der Schulzeit, was ich später einmal machen möchte. Nach dem Abitur war ich erstmal plan- und hilflos und habe ich mich für irgendein Fach an der Uni eingeschrieben, das mir geeignet erschien. Meine Mutter hatte zu diesem Zeitpunkt schon ihren ersten Nervenzusammenbruch: „Kind, du musst doch wissen, was du willst.“ Wer kann von mir erwarten, dass ich mit meinen 19 Jahren schon weiß, was ich für den Rest meines Lebens machen möchte? Das wären ja dann an die 45 Jahre, die ich mit der gleichen Arbeit, den gleichen Inhalten und den gleichen Herausforderungen durchleben muss. Nein, das war nichts für mich. Nach rund einem Semester merkte ich dann auch, dass das, was ich mir da als Studienfach ausgewählt habe, nicht so ganz meine Welt war. Ich schlitterte mal wieder mehr zufällig als geplant in mein späteres Abschlussfach, das mir wahnsinnig Spaß machte.
Nach sieben Jahren Studentenleben mit Alkohol, Partys, Liebeskummer und der ein oder anderen Prüfung wurde ich wieder einmal planlos ins Leben geschossen. Nun ging es mal wieder ans Eingemachte und mal wieder wusste ich nicht, wohin die Reise gehen soll. Ziellos habe ich einfach gemacht, wonach mir der Sinn stand und was mir das nötige Geld einbrachte. Nach einigen Jobs und Praktika habe ich aber nun ein halbwegs festes Ziel vor Augen. Um an dieses Ziel zu gelangen habe ich zum ersten Mal in meinem Leben ein loses Konzept, das ich nun durchziehe. Manchmal frage ich mich, ob mein Leben nicht einfacher und weniger chaotisch verlaufen wäre, wenn ich schon damals gewusst hätte, wohin die Reise gehen soll. Und eine Antwort auf diese Frage bekomme ich nie.
Ich bin inzwischen 27 Jahre alt und stelle mir die berechtigte Frage, ob ich alles in meinem Leben richtig gemacht habe. Um mich herum wird freudig geheiratet und das ein oder andere Baby hat auch schon das Licht der Welt erblickt. Und ich stehe hier, wie immer halbwegs planlos, hilflos und mittellos. Habe keinen festen Job und nur die nebulöse Vorstellung meiner Zukunft. Ich fühle mich noch viel zu jung, um mich für den Rest meines Lebens an nur einen Mann zu binden und erst recht fühle ich mich zu jung, um mich um einen anderen Menschen als mich selbst zu kümmern. Allerdings fühle ich mich wiederum schon viel zu alt, um jetzt noch eine glanzvolle Karriere zu starten. Irgendwas läuft hier falsch.
Ich frage mich in letzter Zeit auch oft, ob ich vielleicht nie erwachsen und vernünftig werde. Und dann überkommt mich diese diffuse Angst, dass ich den richtigen Zeitpunkt verpassen könnte. Den besonderen Punkt nicht erkenne, an dem ich die wichtigen Karriereweichen stellen, den richtigen Mann heiraten und ein Kind bekommen kann. Was ist, wenn ich irgendwann mit Mitte 30 feststelle, dass ich jetzt dafür zu alt bin? Was ist, wenn ich aus meinem Leben doch nichts machen kann, obwohl mir doch eigentlich die ganze Welt offen zu stehen scheint? Ja, ich habe Zukunftsängste und dieses mulmige Gefühl eine entscheidende Abzweigung in meinem Leben versäumt zu haben. Diesen bestimmten Weg nicht beschritten zu haben, der mich zum Erfolg geführt hätte.
Allerdings bin ich vor knapp 27 Jahren an einem Sonntag geboren. Und das macht mich ja bekanntermaßen zu einem Sonntagskind und damit sollte ich auch mit großem Glück gesegnet sein. Ich glaube nach der Devise habe ich auch bisher gelebt. Irgendwie kam irgendwo immer irgendwas daher und trieb mich in meinem Leben weiter voran. Stillstand hatte ich bisher nie. In den größten Krisen klopfte doch immer wieder das Schicksal an, nahm mich an die Hand und führte mich wieder ein Stück weiter. Und wenn ich mir das so recht überlege, sollte ich mir wahrlich keine Sorgen um meine Zukunft machen. Ich bin halbwegs jung, gesund und habe den nötigen Grips, um es noch weit im Leben zu bringen. Am Ende wird doch immer alles gut und ich habe noch mein ganzes Leben Zeit dazu endlich erwachsen zu werden. Und bis dahin heißt es „Hang loose.“
Autor: JE



