
Nachdem uns der Winter gleich mehrere Wochen (die Jahreszeit Winter dauert drei Monate, die Winterzeit sogar sechs!) in seinen eiskalten Klauen hielt, können wir endlich aufatmen! Diesen Katastrophenwinter scheinen wir fürs Erste heil überstanden zu haben. Alle noch da? Man darf gespannt sein, was das zurückweichende Eis alles so freigibt. Einen neuen Ötzi werden wir wohl nicht finden, aber vielleicht taucht ja die Schweinegrippe wieder auf. Die scheint so plötzlich verschwunden zu sein, wie sie uns überfallen hat. Oder die Bankenkrise? Nein, die ist schon längst vorbei, Banken zahlen ihre Schulden zurück – oder auch nicht – und Manager freuen sich wieder über Bonus-Zahlungen. Die Anleger sind allerdings immer noch pleite, viele ehemalige Hausbesitzer obdach- und die Gefeuerten arbeitslos. Aber so ist das mit der Aufmerksamkeit, die hält bei vielen Menschen nicht lang vor, und die der Medienlandschaft schon gar nicht. Egal, wie wichtig eine Meldung ist, sobald es etwas Neueres gibt, steht es im Mittelpunkt, weil News und Medien eben genau davon leben. Und wenn es nichts Neues gibt? Dann werden Meldungen gepusht, die eigentlich keine Aufregung wert wären, wie zum Beispiel die Tatsache, dass es im Winter schneit und friert.
Tja, nun hat uns also die Streusalz-Krise eiskalt erwischt. Obwohl es gerade anfängt zu tauen und schon vor zwei Wochen vielerorts kein Streusalz mehr verfügbar war, ist bis heute jeden Tag von Neuem zu lesen und zu hören, dass den Kommunen und Gemeinden das Streusalz ausgeht. Ein langsamer Abschied… Die volksnahen gelben Engel von FDP und ADAC fordern dazu auf, nationale Streusalz-Reserven anzulegen. Muss man jetzt ein schlechtes Gewissen haben, wenn man das Salz auf das Frühstücksei streut, anstatt es für den nächsten Frost zu bunkern? Doch Rettung ist in Sicht, in den nächsten Tagen sollen Schiffe aus aller Welt mit neuem Salz im Hamburger Hafen eintreffen. Hoffentlich kommen auch bald die Gummistiefel! Angesichts dieser Flut an Meldungen wäre ein Ende mit Schrecken dem Schrecken ohne Ende vorzuziehen.
Dieser Winter ist ein Glücksfall für die Medien. Er hat Neuigkeitswert, ist für viele Gegenden Deutschlands der erste Winter mit viel Schnee und anhaltendem Frost seit vielen Jahren, und vor allem betreffen die Folgen uns alle unmittelbar. Wir frieren, rutschen und fluchen. Die Menschen hatten sich daran gewöhnt, bis kurz vor Weihnachten Flip-Flops zu tragen und haben ihre Winterkleidung scheinbar weggeschmissen. Nun plötzlich sibirische Verhältnisse – in Outdoor-Geschäften waren polartaugliche Expeditionsboots und schwere Daunenjacken der Renner. Feste Winterstiefel in den gängigen Größen waren bereits zum Jahresanfang ausverkauft, und wir fühlten mit den Eingeschlossenen in Dörfern, die komplett von der Außenwelt abgeschnitten waren. Wobei das heutzutage, wie Wetterexperte Jörg Kachelmann trocken kommentierte, ungefähr soviel bedeutet, wie: Man kann nicht direkt mit dem Auto hinfahren.
Viele Menschen haben den Winter aber auch zu Ihrem Vorteil genutzt: Schneeballschlachten, Rodeln, Schlittschuhlaufen, Spaziergänge durch verschneite Landschaften und sogar auf der zugefrorenen Alster in Hamburg sind wiederentdeckte Winterfreuden. Und für Zu-spät-Kommer hatten auch alle Verständnis… Eigentlich gibt es also keinen Grund, nicht ausführlich über diesen Winter zu berichten. Schade ist bloß, dass im Gegensatz zu der imaginierten Katastrophe in einigen verschneiten Landstrichen beispielsweise die reale Katastrophe in Haiti ziemlich kurz kommt.
Doch das Tauwetter bietet uns jetzt die Chance, uns wieder auf das Wesentliche zu konzentrieren. Nun, wo endlich wieder Salz auf den Tisch kommt, sollte man anfangen, Eier zu bunkern, damit uns nicht zu Ostern die Eier-Krise erwischt. Aber die werden wir bestimmt auch überstehen. Also lassen Sie uns mit einem zuversichtlichen Lächeln das letzte Eis zum Schmelzen bringen…
Autor: JW


Wer bist du denn? Du siehst aber putzig aus und du glänzt so schön! Ja, Selfness heißt das frischgebackene Baby der Wohlfühl-Industrie.