Wer da am Samstag abend, kurz vor Mitternacht, vor den Rundfunkgeräten saß, staunte nicht schlecht, als der Gewinner des Eurovison 09′ feststand. Der gerade mal 23-jährige Norweger Alexander Rybak, der sich mit Violine und Kleinjungencharme in die Herzen Millionen europäischer Musikliebhaber gefidelt hatte.
Vorbei die Zeiten, in denen Transvestiten, russische Amazonen und maskierte Metaller den Sieg mit nach Hause nahmen – dieses Jahr hat die Unschuld gesiegt und damit auch die alten Werte.
Das Wunderkind weissrussischer Herkunft verzauberte jung und alt gleichermaßen, was ihm auch gleich den Spitznamen „Harry Potter“ einbrachte. Züchtig in weißem Hemd und schwarzer Weste, im Hintergrund die Tanzformation, dazu zwei blonde Background-Sängerinnen, auch sie fast hochgeschlossen in zartem Pink. Saubere Bravo-Unterhaltung in bester Manier.
Der 23-Jährige, der im selbst komponierten Lied „Fairytale“ seine erste große Liebe besingt, war ein erfrischender Kontrast zu all dem Herumgehüpfe und -geturne und offenherzigen Einsichten, die man da geboten bekam. Statt großem Pomp und knapper Kleidchen beständiger Pop mit Folklore-Elementen und einem herzerfrischendem Star, der keiner ist.
Lässt man die Veranstaltung Revue passieren, erinnert man sich vor allem an eines: Viele knapp bekleidete Damen, einige von ihnen chirurgisch aufbereitet, räkeln, schlängeln und pressen sich an muskelbepackte Herren in skurillen Kostümchen. Man denke nur an den grünen Spiderman der Albaner, oder die ukrainische Version einer gealterten Britney Spears (Svetlana Loboda), die mit Overknees und verruchter Schlagzeug-Einlage eher an eine ausgemusterte Porno-Queen als eine ernsthafte Musikerin erinnerte. Vor dem Eurovison Song Contest soll sie in einer Band namens Viagra gesungen haben. Ein Name, der alles sagt.
Auch die männlichen Sänger, allen voran der griechische Superstar Sakis Rouvas, der in lächerlich knappem T-Shirt auf der Bühne wohl den Chippendales Konkurrenz machen wollte, und die kroatische Ausgabe eines Julio Iglesias versuchten mit Sex zu punkten. Ebenso Oscar Loya, der mit strahlenden weißen Zähnen und gezupften Augenbrauen, offenem Hemd und austrainierten Bauchmuskeln künstlich wirkte und nur Gähnen hervorrief. In hautenger Silberhose schmiegte er sich an den amerikanischen Burlesque-Star Dita von Teese, diese in aufreizender Korsage. Gerade von letzterer hatte man sich einen gehörigen Schuss Erotik erhofft. Doch statt einem aufregendem Striptease gab’s nur Verhülltes und wenig spektakuläre Domina-Einlagen. Da sieht man in jeder Vormittags-Talkshow mehr nackte Haut. Aber der ständig präsenten Präsenz praller Tatsachen – Brüste, Bauch und Po – sind viele schon längst überdrüssig.
Von allem zu viel. Da kommt der Norweger doch herrlich unberührt daher. Erinnerungen an den deutschen Alexander werden wach, der vor einigen Jahren ebenso züchtig die Mädchenherzen höher schlagen ließ. Sympathisch ist er – der Norweger, ein netter Junge von nebenan, der in seiner Heimat schon viele Preise abgeräumt hat und mit seinem Rekordergebnis von 387 Punkten in die Eurovisons-Geschichte eingehen wird.
Autor: JD