Thursday 11.March.2010
 

Monatsarchiv für April, 2009

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Jeder wurde sicherlich schon einmal mehr oder minder höflich um ein paar Cent, einen Euro oder eine Zigarette angeschnorrt. Das ist zwar oft nervig, sehr nervig um genau zu sein, aber gut. Irgendwie auch verständlich, manchmal zumindest. Nun ist mir neulich aber klar geworden, warum meine Freunde und ich es mittlerweile umso nerviger finden. Es steckt nämlich eine ganz klare Logik dahinter, weshalb wir unserer Meinung nach überdurchschnittlich häufig angequatscht werden. Warum also? Die Sache ist ganz klar: Wir tragen Kapuzenpullis. Das und die Tatsache, dass wir auch sonst eher durch einen verlotterten als gestylten Kleidungsstil auszeichnen, schafft scheinbar eine Art spontane Sympathie seitens der bettelnden Genossen, die ihrerseits bei weitem nicht als gut gekleidet zu bezeichnen wären. Auffällig ist auch, dass Jugendliche und Erwachsene, die selber aussehen, als hätten sie die ein oder andere Mark nötig, häufiger etwas abgeben. Woran liegt das wiederum? Richtig, Solidarität innerhalb des Prekariats und ähnlichem Gesocks. Naja, das ist vielleicht übertrieben. Vielmehr ist es wohl der Gedanke, dass man selbst auch häufig schon mal da steht: Zigaretten sind alle, das Geld ist auch weg und man ist jedem dankbar, der sich erbarmt und einen bei der höflichen Frage danach, nicht schief anschaut.

Apropos schief anschauen. Als ich frisch in die Stadt gezogen bin, sagte ein guter Bekannter einmal einen weisen Satz, der mir die Welt erklären sollte: „Wirst du auf der Straße angepöbelt, dann lade den Typen erstmal auf ein Bier ein und ihr seid für die nächste halbe Stunde Freunde. Das wichtigste aber: du bleibst körperlich unversehrt.“  Das scheint ein überlebenswichtiger Leitsatz in diesem Stadtteil zu sein, wo es so multikulti ist, dass auch national-brutal orientierte Zeitgenossen als eigener Kulturkreis auch ihren Platz zwischen Dönerbude, Sozialladen und Eck-Kneipe gefunden haben. An solche erfreulichen Begegnungen, wurde nämlich diese großartige Weisheit ausgiebigst getestet, beziehungsweise musste getestet werden. Und sie funktioniert! Wobei dieser Vorschlag nicht einmal immer in die Tat umgesetzt werden muss. Der Gedanke zählt sozusagen so viel, dass den pöbelnden Genossen warm und friedlich ums Herz wird. Und hat man auch noch das Glück einen schmuddeligen Kapuzenpulli an zu haben, sieht die Welt auch gleich freundlicher aus, denn was gäbe es denn auch bei einem so gekleideten Menschen zu holen? Das Nokia 3310 mit freiliegendem Akku und einem Prepaid-Guthaben jenseits der Nutzbarkeit? Oder die 15 Euro vom Plasmaspenden? Nein, diese sind mit Sicherheit schon als Investition in Form von Bierflaschen im Rucksack verstaut.
Was heißt das alles nun? Richtige Kleidung schützt das Eigentum und mit Bier kann man Frieden schaffen, erhalten und auch pflegen? Innerhalb des städtischen Mikrokosmos und bei einem bestimmten Menschenschlag scheinbar schon – solange es nur bei einem Bier bleibt.

Autor: RO

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