Neulich in der U-Bahn auf dem Nachhauseweg. Feierabend, der Wagen ist überfüllt mit müden Menschen. Da sitzt mir gegenüber ein Schlipsträger mit Designer-Gestell auf der Nase, um die Dreißig. Und als bekennender Kurzsichtiger mit Erfahrung fällt mir auf: Der Mensch hat keine Myopiebeule! Wissen Sie, was ich meine? Diese kleine (oder, je nach Dioptriewert, größere) Verschiebung der Wange, wenn man ein Gesicht schräg durch eine Brille betrachtet. Je nach Fehlsichtigkeit erscheint die Backenlinie durch die Brille ausufernder oder aber innenliegender, als der unbebrillte Teil des Gesichts. Bei besagtem U-Bahn-Fahrer aber schlossen bebrillter und unbebrillter Backenteil EXAKT miteinander ab. Das konnten doch allerhöchstens 0,25 Dioptrien sein, braucht man da schon eine Brille? Oder trug dieser Anzugcasanova seine Brille etwa nur zum Spaß, um seriös zu wirken? Als Accessoire? Eine Brille als Stilmittel???Fast jeder Brillenträger kann sich an die schmerzhafte Erfahrung erinnern, das erste Nasengestell bekommen zu haben. Komisch sah man aus, fremd, wie ein anderer Mensch. Und dann der nächste Schultag: Brillenschlange, Brillenschlange! So wurden Sportskanonen plötzlich äußerlich zu Strebern, Ballspiele konnten nicht mehr ganz so unbeschwert genossen werden (schon mal einen strammen Schuss voll auf die Brille bekommen? ja? dann wissen Sie ja, wovon ich rede!) und die Mädchen beziehungsweise Jungs zogen die unbebrillten Geschlechtsgenossen meistens vor. Was für ein Unglück, fehlsichtig zu sein. Gemein und ungereicht erscheint die Welt für den, dessen Augapfel sich schon früh falsch entwickelte, zu kurz oder zu lang wurde und so ein falsches Bild auf die Netzhaut projizierte.Unsere Kindheit und Jugend waren von hässlichen Kassengestellen geprägt. Der sehnsüchtige pubertäre Wunsch nach Kontaktlinsen traf auf elterliche Ablehnung, weil Kontaktlinsen erstens „zu teuer(!)“ sind und die Augen sich zweitens sowie „noch im Wachstum befinden(!)“. „Später, warte noch ein bisschen, bis Du älter bist!“ wurden wir vertröstet. Später? Mama, Papa, mein Leben entscheidet sich jetzt! Wann, wenn nicht mit 15, ist das Leben am härtesten? Was haben wir gelitten! Aber dann, irgendwann, kam die Wende. Bei mir fing das Bewusstsein für eine ganz neue Ästhetik der Brille an mit einer Werbung für Brillengläser. Da trug ein glatzköpfiger Typ – man sah ihn von hinten – eine stylishe dunkle Horn- beziehungsweise Kunststoffbrille auf besagter Glatze. Die Message war: Meine Brille kommt vom Flohmarkt, die Gläser vom Markenhersteller.
Irgendwann in dieser Zeit wurde der Bann gebrochen. Brillen avancierten zum Accessoire. Wer hätte noch Anfang der 90er gedacht, dass irgendwann Gestelle mit Fensterglas angefertigt würden, weil modebewusste Fashion-Victims auch gerne so ein cooles Ding im Gesicht haben wollten? Ganz recht, lassen Sie sich das auf der Zunge zergehen: C-O-O-L und trendy wurden sie plötzlich, unsere bislang verhassten Sehhilfen. Zwar sind beschlagene Gläser, unscharfe Schwimmbadbesuche und Myopiebeulen noch immer eine höchstgradige Benachteiligung des fehlsichtigen Teils unserer Bevölkerung. Aber mal ehrlich: Ein bißchen Kurzsichtigkeit ist immer noch besser als Brillen aus Fensterglas, oder? Echte Brillenträger sind eben keine Pseudos, sondern die wahren Fashionists. Und den süßen Silberblick eines Brillenträgers, der zum Knutschen sein Gesichtsaccessoire abnimmt, kann auch nicht der talentierteste Fensterglasmacho schauspielern.
Dass Brillen inzwischen nicht nur stylish sind, sondern ihren Träger auch attraktiv machen, fällt besonders bei Männern mit markanten dunklen Kunststoffgestellen auf. Superentspiegelte Gläser sorgen für vollen Durchblick von beiden Seiten. Einen lässigen Dreitagebart dazu kombiniert, modischer Stoff auf trainiertem Körper – da leckt sich frau die Finger. Sportlichkeit + Brille, kurzsichtiger Frauenheld – das ist heute kein Gegensatz mehr! Es mag auch am Bildungsboom liegen, den wir seit ein paar Jahren erleben. PISA-Kritik, Wer wird Millionär und die tausend anderen Wissensshows machen’s uns vor: Intelligenz ist sexy. Und Brille macht intelligent (zumindest äußerlich). Ergo: Wenn der Rest auch stimmt, sind Brillenträger/innen unheimlich anziehend!
Also, Benny, Kevin, Mike und Dirk oder wie Ihr alle heißt, die Ihr uns damals als Brillenschlange aufgezogen habt – tragt Ihr auch schon Fensterglas? Oder habt Ihr Euch etwa eine echte Kurzsichtigkeit zugelegt? Was, Ihr werdet heutzutage ausgebootet von denen mit den schicken Designergestellen auf der Nase? So, so, so… Welcher Brillenträger hat sich nicht schon in der Schulzeit gefragt, wann diese obercoolen Schulranzenmachos vor den bebrillten Intelligenzlern im Staube kriechen? Jetzt ist es endlich so weit. Die Rache der sexy Brillenschlangen wurde schon vor Jahren eingeläutet. Jetzt sind wir am Zug und unseren Kindern wird es mal besser gehen in der Pubertät. Angesichts der inzwischen antiquierten Diskriminierung gegen uns Brillenträger könnte man fast von der „Mensch-Werdung“ der Sehbehinderten sprechen.
Autor: JMH